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Creditreform Unternehmermagazin
Creditreform Magazin, 08.08.2011
In der betrieblichen Weiterbildung sind Video Tutorials auf dem Vormarsch. Sie empfehlen sich für die schnelle und kostengünstige Vermittlung von praktischen IT- bis Managementthemen. Für die effiziente Mitarbeiterschulung.
Dicke Fachbücher lesen und herumtragen will Björn Zimmermann nicht, doch manchmal hat der Student der Fakultät Informationstechnik an der Hochschule Esslingen damit auch Glück. Statt Gedrucktes durcharbeiten zu müssen, kann er sich das Wissen über Video Tutorials erarbeiten. "Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte, ein Video sagt alles", meint er lachend. Damit spielt er auf das Lern- und Merkverhalten an: durch Lesen bleibt 30 Prozent hängen, durch Hören 50 Prozent, durch Sehen und Hören 80 Prozent. "Ob ich 80 Prozent schaffe, weiß ich nicht, doch das Lernen ist leichter, angenehmer und interessanter, alles wird einem tatsächlich gezeigt und erklärt, sooft man will", resümiert er. Besonders wenn es gelte, sich in ein neues Thema einzuarbeiten, schaue er zuallererst, ob es dazu ein Video gibt. So beispielweise bei Youtube, der RWTH Aachen oder dem Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik (HPI) in Potsdam. Über seine Plattform Tele-Task und über itunes U Apple gibt das Institut jedem - also nicht nur Studierenden - die Möglichkeit, aktuelle IT-Lernstoffe nach individuellen Bedürfnissen auszuwählen, auf stationäre oder mobile Geräte herunterzuladen und abzuspielen. Über 4.000 Videos zu IT-Themen sowie über 3.000 Video-Aufzeichnungen kompletter Vorlesungen umfasst das Download-Angebot. Die Inhalte können entweder einzeln abgerufen oder als laufender Kurs bezogen werden. "Wir geben über unsere Plattform jedem Interessierten kostenlos die Möglichkeit, sein IT-Wissen jederzeit und überall auf den neuesten Stand zu bringen", so HPI-Direktor Christoph Meinel.
Gegenüber dem Fachbuch sieht Student Zimmermann folgende Pluspunkte: Schnelleres Einfinden in ein Thema, höhere Übersichtlichkeit und Anschaulichkeit, schnelleres Verstehen durch bessere Darstellung von komplexen Vorgängen, mehr Sinnesorgane werden angesprochen, höhere Adaptions- und Handlungssicherheit. Insgesamt sei alles leichter nachvollziehbar und Missverständnisse so gut wie ausgeschlossen. Und was im Internet steht, ist von überall her einsichtig, denn sein Smartphone hat der angehende IT-Experte stets dabei. Da ist ein Lernen zwischendurch immer mal drin. Manchmal komme der "Wow"-Effekt noch dazu. Dann, wenn ein "Video-Tut" besonders gut "gestrickt" ist. In solch einem Fall wird es auch als Ideenvorlage genutzt, denn Zimmermann und Kommilitonen konzipieren und realisieren Lernvideos zu speziellen Themen rund um den Computer. Die Kunden sind Firmen im Großraum Stuttgart, die diese in ihrer Mitarbeiterschulung nutzen. Eingesetzt werden sie im Bereich Workplace Learning: am Arbeitsplatz können sich die Mitarbeiter für bestimmte Software-Nutzungen oder Tool-Anwendungen fit machen und das Erlernte gleich praktisch umsetzen - arbeitsplatznahe, bedarfsgerechte Qualifizierung. Die jungen Hochschulgänger können sich vorstellen, nach dem Studium ihren Lebensunterhalt mit der Produktion von aufgabenspezifischen Video Tutorials für Unternehmen zu bestreiten.
Für Andrea Back vom Institut für Wirtschaftsinformatik an der Universität St. Gallen ist das ein Vorhaben mit guten Erfolgsaussichten. Weil in der betrieblichen Weiterbildung die Lernvideos schon jetzt auf einem immer schneller werdenden Vormarsch seien. "Die Menge an Informationen und Innovationen sowie die dadurch entstehende rasche Abnahme der Haltbarkeit von Wissen setzen ein ständiges Lernen immer häufiger als lebenslange Aufgabe voraus, die mit ausschließlich konventionellen Weiterbildungsmitteln und -methoden nicht zu erfüllen ist", begründet sie. Gleichzeitig verweist die Professorin auf das Next Generation Corporate Learning. Soll heißen, wer mit Computerspielen groß geworden ist, der bevorzugt in der Aus- und Weiterbildung - von IT- über Produkt- bis Managmentthemen - visuelle oder filmische Darstellungen sowie den Austausch in einem Chatroom. Ein Fach- oder Handbuch hat da nur ergänzende Bedeutung.
Zum gewohnten Umgang mit bewegten Bildern kommt, dass sich Beschäftigte innerhalb einer bestimmten Zeit immer mehr Wissen aneignen müssen. Ursächlich hierfür sind die Auswirkungen der Globalisierung, raschere technologische Innovationsschübe, kürzere Produktzyklen, schneller sich veränderte Marktverhältnisse, häufiger veränderte Kundenanforderungen, mehr unterschiedliche Aufgaben, komplexere Organisationen und insgesamt höhere Wissensanforderungen. Für das erhöhte Videointeresse von Mitarbeitern sprechen auch Rahmenbedingungen: Es wird mehr mobile Geräte wie das iPad oder BlackBerry geben und bei Arbeitszeiten und Einsatzorten wird eine höhere Flexibilität und Mobilität gefragt sein, was das orts- und zeitunabhängige Lernen unabdingbar macht.
Effiziente Lehrmethode
Das Aneignen von mehr Wissen innerhalb eines gleichbleibenden Zeitfensters führt zwangsläufig zu schnellerem Lernen oder zu einer effizinteren Lehrmethode. HPI-Chef Christoph Meinel zufolge heißt deshalb die Lösung Video Tutorial. Zugleich meint er, dass die Qualifikation und Weiterbildung der Mitarbeiter zentrale Erfolgsfaktoren für das Unternehmen sind, die es zu günstigen Konditionen geben kann. Zum einen ist die Videoherstellung, gegenüber einem Präsenzseminar, kostengünstiger. Besonders dann, wenn die Aufbereitung im Unternehmen erfolgt, was leicht möglich ist, denn die heutigen Autorenwerkzeuge sind auch von Laien einsetzbar. So sorgt beispielweise die Stuttgarter Göckle Lotterie selbst für ihre Tutorials. Zum anderen kann mit Video Clips auf individuelle Lehr- und Lernanforderungen reagiert werden. Die einfache Erstellung hat für Henning Lange, Betreiber der Web-Plattform Experdios aber auch den Nachteil, dass es inzwischen eine große Anzahl an Video Tutorials gibt, die didaktisch schlecht gemacht sind und deren Bild- und Ton-Qualität zu wünschen übrig lassen.
Dem Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE) zufolge ergibt sich allein schon durch die Effektivität und technische Bedienung des Lehrmittels ein Einsparpotential. So sind heute die Zeiten vorbei, in denen lediglich Bilder vom Redner und eventuell Präsentationsfolien auszumachen waren. "Bei uns ist jeweils der Vortragende und dessen Laptop- oder Tafel-Präsentation zu sehen", bestätigt HPI-Direktor Christoph Meinel. "Innerhalb von Video Tutorials kann mittels Streaming-Technik sehr schnell navigiert werden. Ist ein Thema im Video bekannt, dann besteht die Möglichkeit, es einfach zu überspringen", so Experte Henning Lange. Außerdem können Lektionen gezielt angesteuert werden. Anwender erhalten damit schnellen Zugriff auf genau die Information, auf die es ihnen ankommt. Ein weiterer Vorteil ist, dass bei Produkt- oder Inhaltsänderungen ein geringerer Überarbeitungs- und Kostenaufwand anfällt, zum Beispiel im Vergleich zu einem Handbuch, das neu gedruckt werden muss. Die Spieldauer der Lektionen ist unterschiedlich. Bei video2brain sind sie im Durchschnitt fünf Minunten lang, die Video-Clips der Microsoft Learning Snacks haben eine Dauer zwischen sieben und 26 Minuten.
Auch für Uwe Genz, Präsident des Dachverbandes der Weiterbildungsorganisationen, sollte das Konsumieren von Bildung leicht und kurzweilig vonstatten gehen. Das ermöglichten Lernvideos. Als weitere Voraussetzungen für die Leichtigkeit des beruflichen Lernens empfiehlt er, neugierig und Neuem gegenüber offen zu sein sowie das Lernen auch als Training für die mentale Fitness zu begreifen. "Man sollte sich immer vor Augen halten, dass der mentale Alterungsprozess schon mit dem 28sten Lebensjahr beginnt und immer alle Teile und Fähigkeiten des Gehirns betrifft, die nicht mehr gefordert werden", so der Verbandspräsident. Insofern gelte für den Geist das gleiche, wie für den Muskel: Use it or loose.
Autor: Gerd Zimmermann Keller
zum Interview "Ortsunabhängigkeit bei der Arbeit" Gerhard Koren, Gründer und Geschäftsführer von video2brain, zu Herstellung und Verwendung von Video Tutorials.
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